30.07.2026 - aktueller Autor - Wolfgang Mayer-König

Wolfgang Mayer König, 
geb. 1946 in Wien, Schriftsteller und Universitätsprofessor, lebt in Graz. Gründer des Österreichischen Universitätsliteratur- forums „Literarische Situation“, Herausgeber der „Zeitschrift für internationale Literatur“. Autor vieler literarischer, in mehrere Sprachen übersetzter Bücher. Mitglied des Schriftstellerver-bandes, des österreichischen PEN u. a. Zahlreiche Literatur-preise und Ehrungen, u. a. Theodor-Körner-Preis für Literatur, Wiener Kunstfondspreis, Kulturmedaille des Landes Oberöstereich.

Im Geest-Verlag erscheinen

Dichtungen. Sämtliche Gedichte

 

DER HUNGER HATTE UNS SCHON MEHRMALS BESIEGT

weshalb wir todmüde und erschöpft auf unseren Rucksäcken 

im Schutze der Laufgräben in unseren Stellungen ausharrten.

 

Um den feindlichen Vormarsch zu verlangsamen, 

hatten wir Abschnitt um Abschnitt besetzt, 

Schützengraben um Schützengraben ausgeworfen.

 

Aus unseren Kampfanlagen und armierten Batteriestellungen 

waren in sich verkeilte Ruinen geworden, 

in denen wir wie in Mausefallen saßen. 

Sie glichen durchschossenen Zielscheiben eines Schießstandes. 

 

Unsere bunt zusammengewürfelten Detachements

wechselten ständig zwischen den in der Einbildungskraft 

enthaltenen Fragestellungen, 

ob wir die gegnerische Besatzung vor uns hertrieben, 

oder ob nicht wir es waren, 

die der Gegner vor sich hertrieb. 

 

Mehrschichtige Gedankenfetzen wechselten durch das Bewusstsein, 

wenn nicht gerade ein Schrapnelleinschuss 

den Affekt der Folge von Angst und Hass in uns auslöste, 

vorsorglich nach dem Verbandspaket in der Blusentasche zu greifen.

 

Dann aber in den Feuerpausen, den Sanitätskavernen 

und den Zeitspannen abgezählter Stücke von Zwieback 

und gepresstem Kaffeepulver, 

oder aber auf ‚nicht eingeschossenem Boden' 

tauchten sie wieder auf, 

die mehrschichtigen Gedanken 

ganzjährig besetzter Stellungen. 

 

Diejenigen an die Mutter, 

die an die Frau, die Geliebte, 

als einzig wahrer Heimat.

 

Mit dem Vater, dem Vaterland, 

um dessentwillen solche Entbehrung, 

solche Not ausgestanden werden musste, 

verhielt es sich ohnehin anders. 

Dem allen war man gottergeben. 

 

Ja, wer wollte den Krieg denn wirklich, 

hüben und drüben? 

Wer sonst, wenn nicht wir alle. 

Aber wirklich wir alle? 

 

Konkretes und scheinbar Verwirrtes 

kam nun ins Spiel hitziger Überlegungen, 

während die Abendsonne den Fels 

auf der Gegenseite blutrot erstrahlen ließ.

 

Dass hüben und drüben, 

hier und jetzt Menschen litten und bluteten 

für Ideen und Befehle 

und sich mit nichts anderem ausdrücken durften 

als mit Geschossen beabsichtigter Tötung!? 

 

Es war eine verächtliche, eine primitive Situation, 

in der wir uns, gleich wo wir standen, befanden. 

Waren wir also so sehr Feinde? 

Oder waren wir uns, 

über allen Hass, alle Befehle und alle Propaganda hinweg, 

nicht doch näher, als wir glaubten?

 

Der Weihnachtstag kam 

wie jeder andere Tag in unseren ganzjährig besetzten Stellungen. 

Wie immer konnten wir die Kampfrufe 

ebenso wie die Verzweiflungs- und Todesschreie 

der Getroffenen und Verwundeten 

über das Rattern der Vernichtungsmaschinen 

und den Geschützdonner hinweg hören, 

ebenso wie die nicht ausbleibende Totenstille jeweils danach.

 

Ausgehungert und abgekämpft 

hingen wir wie an allen Tagen 

neben unseren Rucksäcken herum 

oder lehnten uns an unsere Geschütze, 

an die dreifächrigen Munitionskassetten 

mit den weichen Tragelaschen und den offenen Scharnierdeckeln. 

 

Dünne Baumstämme hatten wir nach der Kavernensprengung 

von den Fichten und Tannen zur Abbölzung unserer Stellungen 

direkt neben diesen abgeschnitten. 

 

Wie in Gedanken versunken, 

gingen den Kameraden gleichzeitig die Griffe von der Hand. 

Eine kleine Tanne 

am Abhang vor dem kavernierten Infanteriegeschütz abschneiden, 

schmale Bretter zu einem Christbaumkreuz zusammennageln, 

den Baum mit Zwieback und Stücken getrockneten

Presskaffees behängen 

und einen Kerzenstummel mit Draht auf dem kleinen Wipfel befestigen.

 

Es war sternenklare, eiskalte Nacht geworden. 

Die sogenannte ‚Heilige Nacht'. 

Wie absurd musste diese Bezeichnung anmuten.

 

Außer vereinzeltem, fernem Gewehrfeuer war nichts zu hören. 

Nur manchmal der pfeifende, 

empfindlich ins Gesicht schneidende Gebirgswind. 

Vorsichtig, unsere Deckung nicht aufgebend, 

schoben wir mit einer langgriffigen Werkzeugzange 

den Christbaum in Richtung des feindlichen Laufgrabens. 

 

Die Kerze auf dem Wipfel des Bäumchens 

war schon im ersten Windstoß erloschen, 

sodass wir den Baum mit einer Stablampe ausleuchten mussten.

 

Einige von uns hatten ‚Stille Nacht' zu singen begonnen 

und wir hörten zu unserer Überraschung 

aus den Laufgräben der Italiener einen nach dem anderen einstimmen.

 

Es war Weihnacht …

 

So war aus dem Kriegsschauplatz ein Siegesplatz geworden. 

Denn plötzlich war Platz für einen anderen Sieg.