Eda Muslubaş - Unter einem Feigenbaum

Unter einem Feigenbaum

 

Unter einem Feigenbaum lernte ich, wie leicht sich Kindheit anfühlen kann.

Kindheit hat das Gewicht von zwei Händen, die dich anschubsen.

Dort lernte ich den Duft von Freiheit kennen.

Sie riecht nach warmem Staub, nach Blüten und nach der Sonne.

Ich lernte das Gefühl von Wärme auf der Haut kennen, spürte, wie die Sonne sie erwärmte.

Lernte, wie der Baum mich hält, während ich im Hin- und Herschaukeln

fast die Wolken berührte.

Ich lernte viel an diesem Feigenbaum.

Er war der Baum, der alles wusste – und Opa der, der ihn übersetzte.

Ich war klein, er war groß, und dazwischen spannte sich ein Sommerhimmel.

Ich lernte die Farben unserer Welt kennen –

das Gold der Sonne, das Grün der Blätter, das Blau des Himmels,

die flüchtigen Rot- und Lilatöne der Blumen am Wegesrand.

Und unter seinem Blätterdach schien die Welt unendlich und voller Farben.

Unter der Asche des Feigenbaums spüre ich, wie schwer Trauer sein kann.

 

Die Hände, die mich einst anschubsten, sind fort, vergangen.

Der Duft von Freiheit ist verklungen –

es riecht nach Staub, nach Rauch, nach Leere.

Die Wärme auf meiner Haut ist kühl geworden, die Sonne erreicht mich nicht mehr.

Die Blätter rascheln nur noch wie ferne Erinnerungen.

Der Baum hält mich nicht mehr, während ich im leeren Raum taumle.

Ich habe so viel verloren an diesem Baum.

Er schweigt, Opa schweigt, und niemand übersetzt.

Ich bin klein, die Welt ist groß, und dazwischen hängt nur grauer Himmel.

Die Farben unserer Welt sind verblasst –

die Sonne blass, das Grün tot, das Blau stumpf,

keine Blumen, nur Aschereste am Wegesrand.

Jetzt ist die Welt leer, die Farben verglüht, und nur die Erinnerung hält mich warm.