Christine Michelfeit rezensiert Artur Nickels 'farbgespinste flussabwärts'

Artur Nickel

farbgespinste flussabwärts

gedichte

Geest-Verlag, Vechta

Coverbild: Reinhard Rakow

ISBN 978-3-86685-355-3

 

Artur Nickel, der bereits mehrfach als Herausgeber der Essener Anthologien und verschiedener pädagogischer Projekte im Ruhrgebiet vorgestellt wurde, setzt sich auch in seinen Gedichten mit der Gegenwart auseinander. Vier Jahre nach seinem Erstlingswerk “Brückenspiele“ erscheint nun der neue Band mit dem verheißungsvollen Titel „farbgespinste, flußabwärts“, der nicht nur Gedichte, sondern auch Gedanken zur Lyrik von heute enthält. Klar und präzise nimmt Nickel Stellung zu diesem wichtigen Thema, denn „Unsere Zeit ist schnell geworden, hektisch, so schnell wie niemals zuvor. “ Und, so schreibt Nickel weiter: „Lyrik heute ist eine Möglichkeit, sich selbst auszudrücken, die eigene Befindlichkeit darzustellen und sich mit der eigenen Realität auseinandersetzen." Gleichzeitig hat sie aber auch die Möglichkeit, eine Gegenwelt zu unserer Zeit aufzubauen, aus der man später wieder zurückkehrt. Sie bringt „die Dinge“ in Bewegung. Das Ziel ist für ihn klar: „Und so nennt Lyrik heute das beim Namen, was uns und unsere Welt zerstört, versucht sie das zu fassen, was dahinter steckt. Sie beschreibt, ergründet und eifasst, was tatsächlich wirklich ist."

Diese „Gedankensplitter“ finden auch ihren Niederschlag in Nickels Gedichten, die meist kurz, aber immer klar und unverhüllt Stellung nehmen zu der Welt, in der sich der Mensch von heute zurechtfinden muss.

 

auf der suche

 

auf der suche

nach dem gestern

kommt das morgen

nicht zurück

 

Überraschend sind immer wieder die Gegensätze, die Nickel gleichnishaft auch in der Natur findet und dann mit dem Ich verbindet. Zwischen den Versen findet ein Umbruch statt, das „als“ bleibt das Schlüsselwort für viele offene Fragen.

 

störche frösche

 

als die Störche

aus dem brunnen

meiner hoffnungen

nicht mehr tranken

 

als die frösche

aus den sumpfwiesen

meiner Zuversicht

nicht mehr aufstiegen

 

als

 

Nickels Heimat ist das Ruhrgebiet, und die Wandlung, die hier im letzten Jahrhundert stattgefunden hat, sieht er auf seine Weise. Wieder ein Gegensatz: das Industrieland wird zum Jakobsweg: „Das märchen ist aus. / die Wallfahrtskirchen und fördertürme sind verwaist / den nachlass verwaltet ein kulturprogramn.“

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Ein eigenes Kapitel trägt den Titel “hinter meinem spiegel“. Es ist der Spiegel, der uns unser wahres Gesicht zeigen soll, für Nickel das Symbol zur Selbstfindung, das in vielen seiner Gedichte wiederkehrt.

 

Dahinter

 

als ich

meinen Spiegel

verlor

schenktest

du mir

dein

gesicht

ich fand

ihn dahinter

 

Artur Nickel ist ein Dichter unserer Zeit, er spricht genau ihre Themen an. Seine Worte sind unverwechselbar, manchmal sogar sehr farbenprächtig und sprachschöpferisch. So sieht er seine Kulisse „vogelbunt* oder lässt an anderer Stelle „sonnengefiedertes" tropfen.

Die flussabwärts ziehenden und zugleich wieder aufsteigenden farbgespinste" spiegeln sich in Reinhard Rakows Coverbild wider. Sie faszinieren und laden ein, in Nickels Gedankenwelt einzutreten.

Christine Michelfeit