28.02.2022 - aktuelle Autorin - Anja Gumprecht
Anja Gumprecht (geb. 1977 in Köln),
Kulturwissenschaftlerin und Heilpädagogin. Schon als Schülerin war sie in einer Literatur-Werkstatt aktiv und übersetzte während des Studiums u. a. ein Theaterstück und mehrere Lieder und Gedichte für eine Promotion aus dem Polnischen. Sie ließ sich von den Erzählungen ihrer Mutter und den Fragen ihrer eigenen Kinder zu den Geschichten inspirieren.
Veröffentlichungen im Geest-Verlag
Aus: An der Leine
Gestern hatte ich meine Haare vergessen. Ich bin die Einzige in der Familie, die vergessen kann, ihre Haare mitzunehmen. Die sind jetzt nämlich in meiner grünen Rapunzel-Dose, und das wollte ich unbedingt Schwester Heike zeigen. Als die Haare anfingen auszufallen, hat Mama die Haare immer aus der Bürste gezogen und über dem Finger zu einem kleinen Röllchen gewickelt. Anfangs landeten sie im Abfalleimer, aber das war mir zu schade! Ich wollte die Röllchen lieber aufheben. Man kann ja nie wissen.
Opa meint, ich hätte Glück, denn bei mir werden die Haare ja wieder nachwachsen. Bei ihm ist das anders, da kommen keine neuen mehr und er konnte seine alten nicht mal aufheben. Aber ich hab dann später zweimal Haare – einmal auf dem Kopf und einmal in der Dose! Im Kindergarten ist übrigens Rapunzel mein Zeichen an der Garderobe. Passte ja gut mit meinen blonden Zöpfen. Ich hatte die längsten Haare von allen Kindern aus der Gruppe. Wir haben meine Dose also Rapunzel-Dose genannt und Mama hat das auch draufgeschrieben. Rapunzel hört auf, wie ich anfange: RapunzeLina könnte man sagen. Aber nun sind RapunzeLina alle Haare ausgefallen und wenn ein Prinz zu mir will, dann muss er wohl die Treppe raufsteigen.
aus: Die Heinzung im Hühnerstall
Oma und der Puppenwagen
Lina war gerade auf ihrem Roller um die Ecke gesaust, versehentlich hatte sie dabei den Puppenwagen ihrer kleinen Schwester umgestoßen. Das Geschrei war groß, aber zum Glück kam Oma Christa sofort zu Hilfe. Sie tröstete die Kleine und half ihr, das Püppchen wieder in den Wagen zu betten.
„So etwas ist mir auch mal mit meinem kleinen Bruder passiert“, erzählte Oma schmunzelnd. „Ich war selbst noch ein kleines Mädchen und mein Bruder war noch ein Baby. Er schlief oft im Garten in seinem Kinderwagen. Ich hätte damals so gern einen Puppenwagen für meine Puppe gehabt, genau wie ihr. Einmal hörte ich, wie mein Bruder plötzlich anfing zu schreien. Ich schob seinen Wagen ein wenig weiter und war sehr stolz. Er würde sich bestimmt gleich wieder beruhigen, dachte ich. Weil der große Wagen mir aber die Sicht versperrte, übersah ich die Stufen, die zur Gartenpforte hinunterführten. Ich konnte den Kinderwagen nicht mehr halten und er kippte um. Mein Bruder kullerte samt Decke und Unterlage aus dem Wagen und schrie noch lauter. Schnell hob ich meinen Bruder wieder in den Wagen, dann die Decke, dann kam die Unterlage wieder hinein. Aber meine Mutter hatte das laute Geschrei meines Bruders gehört und kam in den Garten gelaufen. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie doll sie geschimpft hat!“.
‚Ein Mädchen, das Unsinn macht und dafür geschimpft wird … Das ist eigentlich etwas ganz Normales – aber Oma Christa?‘ Die nickte bestätigend: „Ja, auch ich war mal ein Kind und nicht immer brav!“. Es fiel Lina schwer, sich ihre Oma als kleines Mädchen vorzustellen.
Als müsse Oma das beweisen, kramte sie aus ihrer großen Handtasche ein uraltes Foto hervor. Es war winzig klein und quadratisch und hatte einen weißen Rand. Da saß Oma als Kind mit langen Zöpfen und hielt stolz ihr Püppchen auf dem Schoß. Lina betrachtete es lange, dann fragte sie mitleidig: „Hattest du als Kind immer so graue Kleider an? Sieht ja fast so oll aus wie Opas Kittel in der Werkstatt.“
„Nein, ganz im Gegenteil!“, rief Oma Christa fast etwas beleidigt. „Mein Kleid war aus einem leuchtend roten Stoff. Ich hatte es zu meinem fünften Geburtstag bekommen ...