9. Januar 2015 - aktuelle Autorin - Barbara Keller
Barbara Keller
Eine Vergessene
Es ist kalt, trüb. Der Wind pfeift. Über den Ring fährt ein Fiaker. Bei diesem Wetter! Das Touristenpaar im offenen Fond sieht verfroren aus. Der Fiaker zeigt auf das Pasqualatihaus und erklärt laut: In this house ... Beethoven lived ... you know ... the composer ... Und er macht: ta ta ta taaa. Die beiden nicken gottergeben.
Der Fiaker grinst. So ist das bei uns in Wien. Das Herz aus Gold, das Englisch leider nicht. Sie werden ihm trotzdem ein Trinkgeld geben, dankbar dafür, dass sie nicht ganz erfroren sind.
Aber selbst zu einer wärmeren Jahreszeit hätte er ihnen nicht von einer Karoline Pasqualati erzählt, die auch in diesem Haus gelebt hat, vermutlich hier 1808 geboren ist.
Der Hausherr, Johann Baptist Freiherr von Pas-qualati, ist ihr Onkel. Die Pasqualati stammen aus dem Triestinischen und machen ihr Geld mit Gemüsebau und Obstplantagen in der Rossau; sie liefern so gute Ware, dass sie in den Freiherrnstand erhoben werden und sich das teure Stadthaus auf der Mölkerbastei leisten können. Und darin eine Wohnung im 4.Stock, die für Beethoven zwischen 1804 und 1814 immer frei gehalten wird, selbst wenn er zwischendurch auch anderswo wohnt. Schlägt er die Fenster verärgert zu, wenn Karoline, das wilde Kind mit schwarzen Augen und wuscheligem Haar, im engen Innenhof lärmt und ihn beim Komponieren stört?
Man weiß es nicht.
Man weiß sehr wenig über diese Karoline. Sie hat eine schöne Stimme und Talent und erhält Gesangsunterricht von zwei bekannten italienischen Opernsängern. Im Jahr 1830 heiratet sie den Freiherrn Christian Perin-Gradenstein und bekommt vier Kinder von ihm. Christian, Beamter im Außenamt, ist wie die Pasqualatis Amateurmusiker, das Ehepaar ist Mitglied in einem Chor. 1841 stirbt Christian plötzlich. Das jüngste der Kinder ist gerade ein Jahr alt. Karoline, die junge Witwe, zieht in die Villa der Perin-Gradenstein nach Penzing, in die heu-tige Cumberlandstraße, damals eine Villengegend, eine Sommerfrischengegend. Ein paar Jahre später engagiert sie für ihre Tochter Marie als Klavierlehrer Alfred Julius Becher.
Mit ihm tritt das Schicksal in ihr Haus.
Becher, Jurist, Komponist und Demokrat, wohnt etwa ab 1846 bei Karoline. Die beiden verlieben sich ineinander. Sie verbergen ihr Verhältnis nicht, scheuen den Skandal nicht, führen ganz offen eine Ehe ohne Trauschein.
Dann kommt das Jahr 1848.
Becher, bisher nur als Musikkritiker bekannt, grün-det im Juni eine der radikalsten Zeitungen der Revolution, den ‚Radikalen’, finanziert durch Karoline, von ihrem Erbteil, das heißt also eigentlich durch ihren Vater, der wohl die politische Linie des Becher teilt.
Im August revoltieren die Erdarbeiterinnen gegen die Herabsetzung ihrer Löhne; sie werden niederge-macht, es gibt 18 Tote in der sogenannten ‚Prater-schlacht’. Wenige Tage später wird im Salon des Volksgartens von bürgerlichen Frauen der erste Wiener demokratische Frauenverein gegründet, der sich ein explizit politisches und egalitäres Programm gibt. Zur Präsidentin wird Karoline von Perin-Gradenstein gewählt. Die gedruckten Statuten kann man im Büro des ‚Radikalen’ in der Dorotheergasse erwerben.
Der Verein tritt in den wenigen noch verbleibenden Wochen der Revolution – anders als andere Frauenvereine – politisch auf, was das Missfallen der Männer erregt oder auch ihren Spott.
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(Fortsetzung lesbar in Ellen Roemer (Hrsg): Und niemand glaubt an mich?! Anthologie zum 5. Brüggener Literaturherbst. Vechta 2015
Barbara Keller, 1944 geboren, lebe in Wien und schreibe Erzählungen, Theaterszenen, Gedichte. Mehrere Veröffentlichungen in verschiedenen Literaturzeitungen und Anthologien sowie Hörspiele im Radio.