Aynush Florentina Puchner - Efeu
Aynush Florentina Puchner (16 Jahre)
Efeu
Ich habe gelernt, einfach weiterzuleben. Wir alle haben das. Denn schlechte Nachrichten sind zur Normalität geworden. Wenn wir morgens in der Bahn über die Grausamkeiten der letzten Tage lesen, wundern wir uns nicht mehr und versu-chen trotzdem, unserem Alltag nachzugehen, als hätten uns diese nicht erschüttert. Doch in unseren Köpfen bleiben die Fotos, Videos und Schlagzeilen eine ständige Belastung. Das ist auch unser Glück, für so viele Menschen ist all das Realität, was bei uns nur über Bildschirme gleitet. Wir sitzen in der Schule oder im Büro, während anderswo zerbombt und getötet wird.
So privilegiert wir auch sind, bleibt uns eine beängstigende Realität auch nicht erspart. Parteien mit rechtsextremen und menschenfeindlichen Ansichten sehen die durch den Zustand der Welt ausgelöste Angst und Unzufriedenheit als Mittel, neue Wähler:innen zu gewinnen. Minderheiten als Schuldenböcke zu verwenden und damit den Hass zu verstärken, kommt ihnen gerade recht. Wer nicht Verantwor-tung übernehmen will, schießt einfach gegen jene, die es sowieso schon schwer haben. Anfangs glaubte ich, dass die Bürger:innen diese ekelhaften Methoden erkennen und diese Parteien als Verlierer nach Hause gehen würden. So war es aber nicht. Sie stürzten sich als Gewinner direkt auf die ei-flussreichen Positionen.
Dinge wie diese haben wir schon einmal gesehen, wir haben in Geschichtsbüchern darüber gelesen, und doch haben wir nichts daraus gelernt. Gerade fühlt es sich an, als würden schlimme Ereignisse wie Efeu aus einer Hauswand sprießen. Efeu, der schon einmal da war. Mühsam weggerupft und plötzlich wieder erschienen. Vielleicht in einer anderen Farbe, aber noch immer dieselbe Pflanze wie damals. Die Paral-lelen sind da. Diese ständig zu leugnen, verzögert ein mögli-ches Ende und verschlimmert nur noch die Geschichte, die wir hinterlassen.
Wer noch immer nicht glaubt, dass etwas vermeintlich Ver-gangenes wieder auftreten kann, der sieht nicht genau ge-nug hin. Wegschauen ist doch viel bequemer, wenn man nicht betroffen ist. Wegschauen, während sich die USA langsam in einen autoritären Staat verwandeln. Wegschauen, während dort Deportationen stattfinden. Wegschauen, während Parteien mit rechtsextremen Einstellungen immer mehr Mitspracherecht bekommen. Wegschauen, wenn versucht wird, eine Volksgruppe im Gazastreifen auszulöschen. Wegschauen, während wir mit den Werten zurück in die Vergangenheit wandern. Das ist erst der Beginn und irgend-wann ist einfach weiterleben, einfach wegschauen nicht mehr möglich.