Leseauszug : Heide Rieck - Aber die Schatten (im Druck)

"Ein gutes Gefühl, kühler Sand unter den Sohlen! Walter rannte auf die Jolle zu. Mit der Taschenlampe untersuchte er die Pinne und die Lackflecken am Rumpf. Auf einem Schild las er: ‚Zu verkaufen. Isaak Stern, Haifa, Herzl-Allee 88’. Großtuch und Fock waren eingerollt. An verschiedenen Stellen prüfte er das Holz, kratzte am Lack. Hier entdeckte er einen Riss, dort ein Loch. Darauf legte er sein Ohr an eine gesunde Planke, klopfte und wiederholte die Prüfung an verschiedenen Stellen. Morgen wird das Boot gekauft, nicht übel das Ding, aber nicht seetüchtig; es darf nicht viel kosten. Und dann … Er schlug ein Rad und rannte auf die Brandung zu.
Aus dem Hafen von Haifa, wo im letzten Sommer sein Schiff aus Europa eingelaufen war, ertönte eine Sirene. Rufe, Tränen, Umarmungen ... Er hatte zur Seite geschaut, als seine Großmutter aufgeregt die Hände in die Luft warf und immerzu Grete rief. Jetzt war er achtzehn Jahre alt, fühlte sich aber oft, als wäre er achtzig.
In dieser Nacht jedoch war er jung. Lachend rannte er über den festen Sand vor der Brandung, ich lass’ mich nicht unterkriegen! Heute ist Nannerls Geburtstag! Sein eigener lag drei Monate zurück, der erste achtzehnte Dezember in der Fremde, Tausende Kilometer entfernt von Wien. Da hatte ihn der letzte Brief seiner Eltern aus der Hollandstraße erreicht. Jetzt war schon März! Er stolperte über eine Glasflasche. Wütend stieß er sie fort, beschleunigte den Schritt.
Rasch ging er, und es kam ihm vor, als hingen die Sterne tiefer als sonst. Er blieb stehen. Die Sterne singen. Wie alt war er damals ..., drei? Oder war er schon sieben? Onkel Fritz hatte ihm Ikarus geschenkt, und die Großmutter hatte ihm vorgelesen, die Sterne singen … Er habe die Geschichte immer wieder hören wollen, wurde in der Familie erzählt. Ikarus auf der Flucht – wie ich, brüllte er, plötzlich von Zorn ergriffen, festgenommen auf der Kärntnerstraße, verhört in der Breunergasse. Nicht dran denken, ich entkam, Schluss. Er griff nach dem feuchten Sand, formte, walkte und schleuderte die Kugel ins Meer. Fliegen! Er rieb die Körner von den Händen, lief weiter, fliegen wollte er. Ja, vier Jahre alt, jetzt wusste er es genau. Mit Mutter beim Fotografen. Laut geschrien, als er das Buch weglegen sollte. Ein Spektakel. Er grinste; sein Schritt wurde ruhig. Oft waren Geschichten über ihn im Umlauf. Auch seine Hände waren seit jener Zeit im Familienlexikon verzeichnet; denn immer, wenn die Großmutter sich der Textstelle näherte, die zum Sturz des Helden führte, soll er die Hände vors Gesicht geschlagen haben. Und sie darauf: Musst nicht weinen, Bub, ein großer Junge schwimmt ans Ufer, wenn er ins Wasser fällt, und baut an Land ein neues Flugzeug.
 

 

Heide Rieck

Aber die Schatten ...

Roman

Geest-Verlag 2012

978-3-86685-345-4

ca. 520 S., 17.50 Euro

 

feiert Premiere am 9. Mai 2012 um 20.00 Uhr in der Rotunde in Bochum (Konrad-Adenauer-Platz 3)

 

 

Was wird sein, wenn die letzten Zeugen des Holocaust nicht mehr über die größte Katastrophe der Menschheit berichten können?
Glücklicherweise sind seit den 1980er Jahren viele Publikationen zum Thema „Holocaust“ erschienen. Doch wissen wir immer noch nicht genug.
Die Autorin Heide Rieck hat eine bisher wenig beleuchtete Seite des Themas aufgegriffen, den durch den Holocaust doppelt verwundeten, für immer gezeichneten Menschen. In ihrem Roman „Aber die Schatten …“ folgt sie den Lebensspuren des heute einundneunzigjährigen Walter Grunwald aus einer weit verzweigten europäischen christlich-jüdischen Familie, die auf fünf Kontinente floh. Zwar war er nie in einem KZ, wurde nicht gefoltert, nicht ermordet, und dennoch wird sein Lebensweg unrettbar von dem Desaster der Shoa überschattet. Sein Schicksal steht exemplarisch für viele.
Der bekannte Lyriker Michael Starcke schreibt:
„Heide Riecks Roman „Aber die Schatten …“ erzählt mit intuitiver Kraft von einem Mann, der als Jude dem Holocaust entkommen ist, aber sich ein Leben lang schuldig fühlt (z. B. dass er die eigenen Eltern nicht vor der Vernichtung retten konnte). Dieser Mann, der viel leistet in seinem Leben, aber nicht glücklich werden kann, auch in der Liebe nicht, deren Geborgenheit er nie richtig kennen gelernt hat, ist ein Gezeichneter ganz anderer Art als die, die offensichtlich und für jedermann sichtbar gezeichnet sind. Dieses Dilemma versteht die Autorin auf unvergleichliche Weise zu beschreiben und darzustellen, und ich kann mich nicht erinnern, diese Thematik in der jüngeren Literatur so intensiv empfunden zu haben wie hier. Es ist ein wichtiges, ein gutes Buch, nach dessen Lektüre die Welt des Lesers nicht mehr die ist, die sie vorher war.“
 

 

Heide Rieck-Wotke veröffentlichte im Geest-Verlag bereits 'Doch seht wir leben - Vom inneren Widerstand - Zwangsarbeit 1939-1945. 2. Auflage. Vechta-Langförden 2006', ein Buch, dass aufgrund seiner Eindringlichkeit sehr große Verbreitung gefunden hat, die Autorin zu Lesungen u.a. nach Österreich, Moskau und Mexico führte.