Weserkurier berichtet über Projekt 'Esther - die Geschichte Braker Schüler im Nationalsozialismus'

Berner Bücherwochen: 15-jährige Gansperin und ihre Freundin entwerfen die Hauptfigur für einen Roman

Jüdin muss unter Fremdenhass leiden

14.07.2015
 
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Katharina Weber aus Brake (links) und Gina Porschen aus Ganspe haben die Hauptfigur eines Romans entworfen, der im November im Geest-Verlag veröffentlicht wird. (Barbara Wenke)

Gerade besucht Katharina aus Brake ihre Freundin und Klassenkameradin Gina Porschen in Ganspe. Die beiden Mädchen schreiben gemeinsam die Figur der Esther. Esther ist die Hauptfigur in dem Roman, in dem es um eine Jugend während der Hitler-Diktatur geht. Sie ist das einzige Kind ihrer Eltern. Der Vater ist Redakteur, die Mutter Hausfrau. Eine gutbürgerliche Familie. Das Einzige, was Esther von ihren Klassenkameraden unterscheidet, ist ihre Religionszugehörigkeit. Sie ist Jüdin. Im Laufe der Zeit bekommt sie den ganzen Fremdenhass der Deutschen zu spüren. „Wir sind echt mies dran in diesem Buch“, fasst Gina die Situation ihrer Figur zusammen. Am Anfang fliegen Steine durchs Esszimmerfenster. Der Lehrer gibt dem Mädchen plötzlich schlechte Noten. Und die Schule verbannt sie vom Unterricht, ehe sie ihr den Schulbesuch gänzlich verweigert.

Wie schaffen es zwei 14- und 15-jährige Mädchen, sich in die Gedankenwelt der menschen in den 1940er Jahren hineinzuversetzen? „Man muss Mitgefühl haben“, erklärt Katharina Weber. „Das ist gar nicht so schwer“, findet Gina Porschen. „Man hat ja bestimmt schon mal etwas Schlimmes erlebt. Und das muss man sich dann vorstellen.“

Die Protagonistin Esther erlebt das Schlimmste, was einem Kind widerfahren kann. Die Nazis deportieren ihre Eltern ins Konzentrationslager. Gegen die Deportation von Vater und Mutter waren eingeworfene Fensterscheiben und abfällige Lehrerkommentare Lappalien. Esther sieht ihre Eltern nie wieder. Sie selbst entkommt dem Transport gerade noch. Eine Freundin hilft ihr zu fliehen und versteckt sie. Denn auch davon handelt der Roman. Von echter Freundschaft, die sich über alle Bedrohungen hinwegsetzt. „Und in Esther ist auch heimlich jemand verliebt“, gewährt Gina Porschen einen weiteren Einblick in das noch in der Entstehung befindliche Werk. Wer es ist, verrät die Gansperin nicht.

Die Achtklässler der Pestalozzischule treffen sich in unregelmäßigen Abständen mit Achtklässlern des Braker Gymnasiums zu sogenannten Schreibtagen. Dann gibt Verleger Alfred Büngen den Jugendlichen Ideen an die Hand. Darauf bauen die jungen Autoren ihre Szenen auf. „Wir tauschen unsere Ideen untereinander aus“, erzählt Gina. So füge sich schließlich ein Kapitel ins nächste. Grundsätzlich arbeiten die Jugendlichen in der Schule an ihren Texten. „Ich habe aber auch manchmal zu Hause Ideen, und die schreibe ich mir dann auf“, berichtet Katharina.

So langsam gehen die Schüler in die Endphase ihrer Buchproduktion. Gina und Katharina sind bereits aufgeregt, wie das fertige Exemplar aussehen wird. Auf die Umschlaggestaltung haben sie beispielsweise keinen Einfluss. Aber in dem Roman wird ihr Name als Mitautor abgedruckt sein. Besonders Katharina fiebert dem Tag entgegen, an dem sie den Roman endlich in Händen halten kann. Obwohl sie das Werk in und auswendig kennen wird, freut sie sich, „das alles noch mal durchzulesen“.

Mit dem Druck des Romans ist das Gemeinschaftsprojekt der beiden Schulen allerdings noch nicht beendet. „Wir machen auch ein Hörspiel“, blickt Katharina voraus. „In dem wir beide mitmachen“, fügt Gina strahlend an.

Öffentlich vorgestellt wird der Roman der Braker Gymnasiasten und Pestalozzischüler am Dienstag, 17. November, um 10 Uhr in der Pestalozzischule.

Kindergartenkinder und Schüler schreiben Bücher

◼ Der Initiator und Organisator der Berner Bücherwochen, Reinhard Rakow, hat von Anfang an Wert darauf gelegt, auch den Nachwuchs zu Wort kommen zu lassen. So entstanden seit 2008 zehn von Schülern und Kindergartenkindern geschriebene und im Geest-Verlag erschienene Werke.

Die bisherigen Projekte. 1. Berner Bücherwochen (2008): Dritt- und Viertklässler der Comeniusschule schreiben den Kurzgeschichtenband „Heute ist meine Zeit – Kinder schreiben für Kinder und Erwachsene“. 2. Berner Bücherwochen (2009): In dem Werk „Einfach grenzwertig“ berichten Fünft- bis Zehntklässler des Schulzentrums Berne von Grenzerfahrungen. Gleichzeitig fassen Erzieherinnen des Kindergartens Berne Gedanken ihrer Jungen und Mädchen unter dem Titel „Kinderphilosophen“ zusammen. 3. Berner Bücherwochen (2011): Viertklässler der Grundschule Ganspe interviewen ihre Großeltern. Daraus entsteht der Erzählband „Ganspe erzählt vom Winter – ein die Generationen verbindendes Projekt der Grundschule Ganspe“. Die Comeniusschule erarbeitet das Werk „Es war eisigkalt draußen – Die Schüler der Comeniusschule schreiben über Natur und Winter“. Und der Kindergarten Berne beteiligt sich mit dem Büchlein „Der Hut fiel mir vom Kopfe – Kinder begegnen Schuberts Winterreise“. 4. Berner Bücherwochen (2013): Die Organisatoren gehen neue Wege und beziehen die Braker Pestalozzischule ein. Die Förderschüler schreiben unter dem Titel „Trotz alledem – Wir Kinder und Jugendlichen der Pestalozzischule“. Außerdem verfassen die Viertklässler der Grundschule Ganspe den Roman „Der Zauberer Waber Begamotz und der Wettstreit der Orte“. 5. Berner Bücherwochen: Gansper und Berner Grundschüler wandeln auf den Spuren der Nachkriegskinder und schreiben gemeinsam einen Roman über den fiktiven Heuerjungen Fiet. Pestalozzischüler und Braker Gymnasiasten schreiben einen Roman über eine Geschichte Braker Schüler im Nationalsozialismus. (bak)