Auch Weserkurier berichtet über die Eröffnung der Berner Bücherwochen
Lesebuch für die Wesermarsch
Zwischen Beethoven-Sonaten und zahllosen Redebeiträgen wurden die ersten Texte vorgestellt, die im Rahmen der Bücherwochen gedruckt erscheinen. „Liebesgeschichten“ ist als neues Lesebuch für die Wesermarsch konzipiert und soll vom 6. November an erhältlich sein. Erika Huppert ist ein besonders anrührender Beitrag gelungen, in dem sie die Erinnerungen einer Standesbeamtin an die erste von ihr besiegelte gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaft als Ausgangspunkt nutzt, vom Leben zweier Frauen zu erzählen.
Beide 1918 geboren, hatten sich als Schülerinnen am Gymnasium ineinander verliebt. Lotte musste Todesangst, Versteck und Zwangsarbeit überstehen, bevor sie ab 1946 mit Dora zusammenleben konnte. Bis ihre Liebe auch offizielle Anerkennung fand, sollten weitere 55 Jahre vergehen. „Ein Jegliches hat seine Zeit. Jetzt ist unsere Stunde“, lässt Erika Huppert eine der alten Damen sagen und beschreibt die Beobachtungen der Standesbeamtin, die Zeugin eines nie mehr für möglich gehaltenen Glücks wird. „Sie sehen jetzt aus wie zwei junge Bräute. Die Falten sind wie wegradiert.“
Zwischen den Lesungen würdigen Schulleiterin, Landrat, Bürgermeister, die Landtagsabgeordneten und die Kooperationspartner das Engagement von Bücherwochen-Organisator Reinhard Rakow, Menschen zum Schreiben und Lesen zu animieren. Ein Beispiel dafür ist das Roman-Projekt „. . . und du bist raus!“, verfasst von Schülern des Gymnasiums und einer Förderschule in Brake. Der Vechtaer Verleger Alfred Büngen sieht das Projekt um das Leben des jüdischen Mädchens Esther als einen Weg, Jugendlichen einen Zugang zum Leben und Denken unter dem Hakenkreuz zu eröffnen. „Sie haben gut geschrieben, aber eigentlich haben sie den Nationalsozialismus in Brake nicht verstanden“, lautet seine Bilanz. Der Lesung des Textauszugs in Berne soll die Premiere des Romans am 17. November folgen.
Gelesen vor großem Publikum haben zum Auftakt der 5. Berner Bücherwochen auch Jarne Strehlow und Hannes Wöbken. Als Drittklässler in Berne und Ganspe haben sie und ihre Mitschüler ganz genau hingehört, als Zeitzeugen von ihrem Alltag als Heuerkinder in den 1950er-Jahren erzählten und die Geschichten schließlich aufgeschrieben.
Schuf Heinrich Mann vor einem Jahrhundert mit dem „Untertan“ Diederich Heßling den Inbegriff des hässlichen Deutschen, beschreibt Dirk Röse aus Meppen in seinem Beitrag für die „Untertan“ betitelte Anthologie zu den Bücherwochen 2015 einen modernen Nachfolger. Gern würde „Bergmann“ in der Konzernhierarchie aufsteigen. Doch insgeheim weiß er, dass er es niemals schaffen wird. „Der Anspruch auf Perfektion und die Erfahrung, sie nie erreichen zu können“, drücken Bergmann aufs Gemüt. Doch für einen Hauch von Lob begibt er sich täglich ins Hamsterrad.
Ähnlich geht es dem Helden „Dettmann“ der Darmstädterin Sue Bechert. Während seiner Ausbildung zum Automechaniker steht sein Entschluss des Aufbegehrens so gut wie fest. Dreieinhalb Jahre später, als der Meister ihm ein schwer verdientes Trinkgeld abknöpft, ist es beinahe so weit. Sue Bechert erzählt in Rückblenden. Die Trinkgeld-Episode spielt 1988, die Geschichte beginnt in der Gegenwart.
„Dettmann“ gehören die Seiten 443 bis 454 in der Untertan-Anthologie, die gerade noch rechtzeitig zur Bücherwochen-Eröffnung fertig wurde. Etwa 90 Autoren erzählen auf 700 Gramm Papier, wie Krankheit, Tod, Arbeit, Hektik und selbst Modefragen die „Helden“ klein halten. Die Redner bekennen sich im Zeitalter von iPad und Kindle zum gedruckten Buch und loben das Berner „Fest der Kultur rund ums Wort“. Bis zum 20. Dezember stehen etwa zwei Dutzend Vorträge, Lesungen, ein Hörspiel und eine Schreibwerkstatt auf dem Programm.