02.06.2026 - aktueller Autor - Norbert Büttner
Norbert Büttner
1962 in Großbreitenbach, von Beruf Elektroinstallateur, wohnhaft in Berlin, Angestellter im Öffentlichen Dienst.
Zahlreiche Veröffentlichungen von Lyrik und Prosa in Zeitungen, Zeit-schriften und Anthologien.
Der Autor ist Mitglied im ‚Werkkreis Literatur der Arbeitswelt‘.
Veröffentlichungen im Geest-Verlag
Kieloben
Die Erzieherin war eine resolute Frau, die so leicht nichts zu erschüttern schien. An ihrer schroffen Hal-tung prallte ich mit meiner Bitte einfach ab.
„Zeigen Sie mal die Erlaubnis, dass Sie das Kind abho-len dürfen.“
Verlegen stammelte ich irgendetwas. Aber zum Glück kam Lisa. Sie hing sich an meinen Arm, zog mit ihrem ganzen Gewicht daran, um mich auf ihre Kopfhöhe herunterzubringen, und rief: „Nimm mich mit!“
„Aber ja doch. Sei nicht so wild“, sagte ich, und zur Erzieherin: „Denken Sie immer noch, dass ich sie nicht abholen darf?“
Ich spürte, dass die Zweifel der Frau besänftigt, aber nicht beseitigt waren, und ging deshalb schnell, ehe sie etwas dagegen sagen konnte, mit Lisa fort.
„Wo ist Mutti?“, fragte Lisa vorm Kindergarten und sah sich um. „Sie ist doch sonst auch immer dabei.“
„Heute machen wir mal etwas ohne sie“, flüsterte ich, „wir haben uns schließlich lange nicht mehr gesehen.“
„Au weia“, sagte sie und starrte mich an, „das wird Mutti aber gar nicht gefallen.“
Ihre tiefblauen Augen, das war etwas, das sich mir bei unserer ersten Begegnung eingeprägt hat. Ich war morgens als Letzter in die Küche gekommen, unausgeschlafen und unrasiert. Gabi wuselte aufgeregt am Herd umher, sie hatte Kakao gekocht und für Lisa ein Ei; sie legte ihr Schokoplätzchen auf den Teller und schmierte ein Marmeladenbrötchen für sie.
Lisa hörte auf zu kauen und glotzte mich an, das Schokoplätzchen zerlief in ihrer Hand. „Das ist Gerd, mein neuer Freund“, sagte Gabi.
Lisa starrte mich immer noch an. Dann sagte sie: „Bleibt der Onkel länger oder haut er gleich wieder ab?“
„Ich habe mir was Schönes ausgedacht“, sagte ich zu Lisa, „wir fahren auf dem Rummelplatz Achterbahn und futtern dann was Süßes.“
„Ich war aber schon vorgestern mit Mutti dort!“
„Dann gehen wir eben ins Kino.“
„Darauf habe ich keine Lust“, sagte sie und drückte ganz fest meine Hand.
Ich rückte ihr Täschchen, das sie an einem Riemen um den Hals trug, zurecht.
„Ich bin dir vielleicht ein bisschen fremd geworden, aber ich möchte, dass wir Freunde bleiben. Doch wenn du nicht willst, bringe ich dich nach Hause.“
Sie kuschelte sich an mich.
„Ich habe oft an dich gedacht und manchmal auch geweint“, gestand sie, „aber Mama hat gesagt, du kommst nie wieder und ich soll dich vergessen.“
......