Gedicht des Tages

Vanja Michailova - Entkommen (Gedicht des Tages)

ENTKOMMEN

Eines Tages will ich entrinnen
und mich verlieren.
Ich will mich zerschmeißen,
mich zerreißen, mich zerfleischen, mich zerbeißen …
Und schweigen! Nichts sagen!

Ich will die Wand durchbrechen
und mich an dem Leben rächen.
Ich will mich einmal verdrecken
und dann … verrecken.

Ich will diese verdammte Zelle –
meinen Körper –
zersägen, zerfetzen, zerfressen
und mich entfesseln.

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Brigitte Spreitzer - Wie oft muss ich die Hände (Gedicht des Tages)



 

Spreitzer, Brigitte: Rief es nicht

 

Wie oft muss ich die Hände
ins Gletschermeer tauchen bis
sie an Dich rühren dürfen?
Wie viele Mal den Mund
ans Eis legen bis
er durchschmilzt zu Dir?
Du weißt
ich bin längst auf dem
Weg ins kristallene Schweigen
Genährt nur vom
Weiß zwischen Dir und mir.

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Marianne Pumb - Ballade von der menschlichen Blindigkeit (Gedicht des Tages)

Download: Audio icon pumbballade.mp3



 

Ballade von der menschlichen Blindigkeit

Zwei Frauen saßen
im Kurbad am Meer
die eine war pummlig
die andere schwer

Sie nippten Liköre
sie mummelten Kuchen
und wollten danach
das Soufflé noch versuchen

Sie plauderten, lachten
kurzum waren heiter –
doch die Geschichte
geht noch weiter

Ein Herr nahte sich
auch sehr korpulent
er trug ein vortrefflich
geschneidertes Hemd

Das half ihm wenig
es stremmte am Bauch
dies aber sahen
die Damen auch

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Elisabeth Lichter - Im Flüchtigen (Gedicht des Tages)


Im Flüchtigen

Neben dem Mann
angeleint mit gesenktem Kopf
trottet der Hund

Befreit das Tier
im brackigen Wasser ein Bad
Spuren setzen die Pfoten
deutlich dann schwach dann nicht mehr

Die Fährte verblasst
verdunstet das Zeichen
ein Hund von dort lief er
wohin

Im Flüchtigen eine Berührung
Spuren dass sie vergehen
sie waren sie sind
auf dem Weg

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Ulrike Kleinert - Der gelbe Rock (Gedicht des Tages)

Ulrike Kleinert
Der gelbe Rock

 

 

Der gelbe Rock

Der gelbe Rock
blendet den dunklen Mantel.
Sein Schlitz
gibt die atmende Haut frei,
den Geruch von Zimt
und Zitrone.

Den Mantel lang,
überm Haar das Tuch,
keine Spur Haut,
der Duft der Frau
bewahrt für zu Haus.

So kreuzen
geschlitzter Rock und langer Mantel,
werden der Jogginghose
kaum gewahr,
des federnden Turnschuhs.

Jede Frau auf ihrer Bahn.
Wie sieht sie
die andere wohl an?

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