Gedicht des Tages

Sabrina Wilms - Zeichenpfade (Jugendliche melden sich zu Wort)

Zeichenpfad

Wenn ich diesen Pfad entlanggehe, komme ich mir vor, als würde ich durch ein Tor aus unse-rer Zeit in eine andere Zeit schreiten. Die Welt um mich herum ist plötzlich schwarzweiß, an mir laufen Menschen vorbei. Ich sehe sie nur verschwommen, ein Meer von Schatten. Einer sieht aus wie der andere, und doch verbindet sie etwas, die Kleidung, der Blick, mit dem sie auf das Tor zugehen, so, als kämen sie von der Arbeit und seien nicht gerade auf dem Weg dorthin.

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Buch: 

Pablo Neruda -Ostseeruinen (von Pablo Neruda autorisierte Übersetzung aus dem chilenischen Spanisch von Heinz Fischer, München )

 

 

Ostsee-Ruinen

Danzig, vom Krieg zersiebt,
zerrissene Rose -
wie ein Gespenst unter Gespenstern,
zwischen dem Meergeruch
und dem hohen hellen Himmel,
zwischen orangesilbernen Trümmern,
ging ich durch deine Ruinen.
Der Nebel drang mit mir ein,
die eisige Schwade,
und im Herumirren
entwirrte ich die Straßen
ohne Häuser und Menschen.

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Carina Göbel - flügellos (Gedicht des Tages)

Flügellos


Kurz vorm Fall,
kein Satz nur Worte,
kein Zusammenhang.
Ich kämpfe trotz Träumen,
auch wenn ich Hoffnung habe,
gegen dich an.
Ich drehe mich weiter,
ganz langsam im Kreis,
sehe den Fall –
schmunzelnd –
deinerseits.
Habt ihr’s gesehen?
Schallend gelacht,
mit Freuden gemerkt,
dass auch ein Engel
Fehler macht.
 

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Günter Ullmann - Sisyphos

Wir haben in der Schule gelernt

die Geschichte entwickelt sich gesetzmäßig vom Niederen zum Höheren

das kann in keinem Fall stimmen

auch in der Geschichte erleben wir

ein ständiges Werden und Vergehen

Reiche und Systeme entwickeln sich,

bauen sich auf und lösen sich,

nachdem sie manchmal eine Blüte erreicht haben,

wieder auf

Der Mensch muss sich ständig, wie Sisyphos,

neuen Problemen, Widersprüchen und Ungerechtigkeiten stellen

Nachdem die DDR und ihre Mauer mit Schießbefehl,

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Sabine Prilop - Zu spät (Gedicht des Tages)

Download: Audio icon prilopzu.mp3

Sabine Prilop

 Zu spät

Die größten Irrtümer erkennt man spät
oder nie. Erkenntnis wächst aus einer
Summe von Signalen. Sie überdauern die Zeit.
Sie rüsten sich. Nehmen Aufstellung. Verbergen sich
hinter durchsichtigen Mauern. Farblos, ohne Konturen.
Es gibt Tage, an denen die Mauern fallen. Geräuschlos
für die umstehenden Sieger, lärmend für die Verlierer.
Gewonnene Erkenntnis öffnet den Blick
für die verlorenen Möglichkeiten.

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Autor: 

Buch: 

Marcus Coesfeld - Geduld (Gedicht des Tages)

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Marcus Coesfeld, Dortmund
Geduld


Kalter Winter
Milder Sturm
Dunkle Nacht
Stiller Tod

Alles düster
Längst verloren
Weiß bedeckt Bunt
Leben erstarrt

Doch es geht weiter
Der Frühling winkt schon
Bringt Hoffnung mit sich
Und Licht ist der Lohn

 

aus: Zwischenzeiten. Geest-Verlag 2008

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Antje E. Schnabl - Glaubst du? (Gedicht des Tages)

Download: Audio icon schnabl.mp3

Glaubst Du ...

Glaubst du, daß die Engel
den Lichterglanz zaubern,
wenn das Dunkel den
Tag nicht freigeben will?

Glaubst du, daß die Mütter
uns Lebkuchen backen,
wenn die Felder und
Obstbäume leer sind?

Glaubst du, daß die Glocken
und Lieder erklingen,
wenn eisiger Frost
die Natur verstummen läßt?

Glaubst du, daß nicht nur ins
Kinderherz Freude dringt,
wenn bunte Gaben
von Hand zu Hand gehen?

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